Repressive Realität

Dem Begriff „Realität“ haftet seit jeher ein fader Beigeschmack an. Innerhalb kapitalistischer Verhältnisse, deren interne Rationalität sich aus humanistischer Sicht als unvernünftig und geradezu Fetisch erweist, verweisen „Realos“ allzu oft auf diese und die sie gebärenden Sachzwänge, um ihre, dem Gemeinwohl offensichtlich schadenden „Reformen“ zu rechtfertigen. Hier wird die Realität als Subjekt dargestellt, deren Anforderungen der Mensch zu genügen hat. Bemerkenswert ist, dass es, neben den revolutionären Strömungen, ursprünglich auch Anliegen der Reformer war, die Realität positiv zu verändern. Gerade dadurch, dass sie an die Möglichkeit der stückweisen Veränderung glaubten, unterschieden sie sich von den Revolutionären. Im Grunde geben sie Letzteren mit ihren positivistischen Aussagen nachträglich recht.

Fraglich ist jedoch, ob „Realität“ nicht ansich repressiv ist, also auch außerhalb kapitalistischer (Ir-) Rationalität eine unterdrückende Komponente besitzt. Geht man vom Idealzustand einer Gesellschaft aus, in der Entscheidungen das Ergebnis einer alle Bevölkerungsgruppen beteiligenden Meinungsfindung sind, haben diese tatsächlich realitätsgestaltenden Charakter, d.h. der Mensch gestaltet sich seine Umgebung nach seinen Wünschen – sicherlich eingeschränkt durch Naturentwicklungen und – Gesetze, jedoch als Subjekt. Dennoch tritt dem in eine solche Gesellschaft geborenen Individuum die von Anderen gestalteten Verhältnisse als „gegeben“ gegenüber. Mit ihnen muss es sich auseinandersetzen und stellt seine eigene Nicht-Identität fest. Je nach Charakterstärke des Individuums kann dies von der bloßen Feststellung des Anders-Sein und Anders-Wollen über eine negative Bewertung dessen zu jener Assimilation führen, die von der jetzigen Gesellschaftsordnung direkt oder indirekt eingefordert wird.

Denn trotz der oberflächlich postulierten Toleranz gegenüber Abweichlern – seien es beispielsweise sexuelle oder kulturelle Differenzen – herrscht ein immenser Druck gesellschaftlicher Anpassung. Immer mehr Individualisierungs- und Spezialisierungsmöglichkeiten werden geboten oder sogar gefordert, jedoch nur, solange sich diese vereinnahmen lassen. Als Beispiel sei hier die Modeindustrie genannt, in der eine nie dagewesene Live-Style-Auswahl besteht. Das Individuum hat die Auswahl zwischen unterschiedlichsten Identitätsmustern, muss sich aber unter diesen Entscheiden. Begibt es sich in bestimmte gesellschaftliche Bereiche (Party, Beruf, Straße) schnurrt der Entscheidungsspielraum auf eine kaum mehr wahrnehmbare Größe zusammen.

Nun kann man einwenden, die hier geschilderte repressive Komponente der Realität sei selbst historisch und in einer emanzipierten Gesellschaft nicht mehr vorhanden, da hinter „Mode“, „Live-Style“ und „Identitätsmustern“ überwindbare soziale Unzulänglichkeiten stehen. Doch auch Dinge können sich repressiv auf die individuelle Entfaltung auswirken: Zwar ist ein vorhandenes Wasserglas einerseits praktisch, da man nicht erst Wissen, Fähigkeit und Mühe investieren muss, um es herzustellen. Dafür existiert es jedoch nach den Vorstellungen Anderer und ist nicht Ausdruck eigener Vorstellungen und Entfaltung, hemmt also aufgrund seines bloßen Vorhandenseins eigene freie Schöpfungsakte. Doch nicht nur das Glas existiert, auch der Tisch, die Wohnung, die Stadt, das Land – ohne den Willen des in diese Realität geborenen Individuums.

Dieses Problem der repressiven Realität, dass das Individuum zur Assimilation zwingen kann, ist somit kein reines Problem des Kapitalismus, sondern von Gesellschaft ansich, auch wenn es in diesem besonders aggressiv zu Tage tritt. Die reine Nicht-Identität des Individuums mit der Realität vermag, die freie Entfaltung des Einzelnen zu hemmen. Diese „besondere“ gegenüber dem Allgemeinen zu bewahren und zu fördern ist daher eine ebenso schwierige wie wichtige Aufgabe fortschrittlicher Gesellschaftsformen.