Hinzufügen zum Wörterbuch: Polyamorie

Man kommt aus einer bürgerlichen Familie und ist ausgestattet mit ihren Begriffen und Werten: Ehrlichkeit, Strebsamkeit, Treue, Nächstenliebe. Jenen Menschen in der linken Szene, die herabschauen auf die bürgerliche Existenz mit all ihrer Selbstentsagung, Unterordnung, Assimilierung und den verheerenden Folgen, die ein solches Verhalten auf die Persönlichkeit hat, könnten sich manchmal eine Scheibe abschneiden von diesen Werten. Der Weltrevolution wär’s zumindest nicht abträglich. Aber man erlebt eben auch ihr Scheitern, das Umschlagen in Zwängen, Erwartungen, Rollenbildern. Weil die Freiheit fehlt, sich selbst zu entfalten. Weil man in der sozioökonomischen Organisierung unserer Gesellschaft nicht als Subjekt wahrgenommen, sondern verwaltet wird, eingegliedert in einen ziellosen Prozess.
Man merkt, dass das eigene Denken, Handeln, Fühlen damit nicht kompatibel ist: Das ist nichts für mich, so werde ich nicht glücklich.

So in Sachen Treue: Die bürgerliche Liebesbeziehung besteht aus zwei Personen. Treu ist, wer nicht „fremdgeht“, das heißt, wer nicht mit einer anderen Person schläft und keine andere Person in vergleichbarer Weise liebt. Die Ausschließlichkeit der Liebesbeziehung ist zugleich ihr Charakteristikum. Wird hiergegen verstoßen, ist die Beziehung gescheitert. Einerseits ist der Täter schuldig seines emotionalen Vergehens, was bei der Scheidung früher noch gerichtlich festgestellt wurde, andererseits muss schon vorher etwas nicht in Ordnung gewesen sein. Der Wunsch nach emotionaler oder körperlicher Zuneigung zu einem anderen Menschen ist Beweis dafür, dass der eigene Partner nicht ausgereicht, die eigenen Bedürfnisse nicht ausreichend befriedigt hat.

An dieser Stelle harkt man ein und fragt sich: Muss der Partner dies eigentlich? Ist es wirklich meine Aufgabe, die Gefühle meines Partners zu befriedigen und seine, die Meinigen? Wenn mein Partner an manchen Dingen nicht den Gefallen findet, wie ich: Muss ich dann auf diese Dinge verzichten um ihn nicht dazu zu nötigen oder sollte sich mein Partner überwinden, um mich zu befriedigen? Klar ist: Wenn zu wenige meiner Bedürfnisse, Interessen und Wünsche erfüllt werden, bin ich nicht glücklich. Insofern lastet doch der Druck auf der Beziehung, es dem andern Recht zu machen und bleibt die Gefahr bestehen, dass mein Partner jemanden trifft, der seine Bedürfnisse – wenn auch nur vorübergehend – mehr befriedigen kann und er sich daher von mir trennt.

Man merkt, dass es zur wahren Selbstentfaltung, zur Achtung seines Partners als Subjekt nötig ist, ihn frei zu lassen, zuzulassen und sich daran zu erfreuen, dass er seine Bedürfnisse befriedigt und selbst Verantwortung für die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse zu entwickeln. Denn, „wenn du etwas liebst, lass es frei. Kommt es zu dir zurück, hast du es nicht verloren. Kehrt es nicht zu dir zurück, so hast du es nie besessen.“ Man gelangt zur Überzeugung, dass das Treue ist, dass man zu einem Menschen hält, der seine Bedürfnisse befriedigt, auch wenn dies bedeutet, sich mit dem Gefühl der Eifersucht und der Angst vor Verlust auseinandersetzen. Dass das Vertrauen ist, sich darauf verlassen zu können, dass mein Partner nicht nur deshalb aufhört mich zu lieben, weil er andere liebt. Dass das Liebe ist, dass man sich an dem Ausleben und Aufblühen seines Partners erfreut, obwohl man es nicht selbst herbeigeführt hat. Dass das Ehrlichkeit ist, sich selbst und seinem Partner seine Bedürfnisse und Möglichkeiten offenzulegen. Und dass das Strebsamkeit ist, einen Weg zu finden, der beiden Partnern gut tut und sie glücklich macht.

Und wie es so häufig ist, wenn man sich den Kopf vermartert hat, um den repressiven Gehalt in einem bürgerlichen Ideal herauszuarbeiten, stellt man fest, dass man hierbei nicht der Einzige war, dass Andere schon Begrifflichkeiten dafür gefunden haben, gar eine ganze Subkultur existiert, zu der man sich mühsam durch die Menschenmassen durchschlagen muss: 1990 wurde Oberon Zell-Ravenheart vom Herausgeber des Oxford English Dictionary um eine Definition des Begriffs „Polyamory“ gebeten, einem hybriden Neologismus, gebildet aus dem griechischen Wort „poly“ für „mehrere“ und dem lateinischen „amor“ für „Liebe“. Die Definition, die erst im Jahr 2006 in das Wörterbuch aufgenommen wurde, lautet: „Die Praxis, der Zustand oder die Fähigkeit, mehr als eine liebevolle sexuelle Beziehung zur gleichen Zeit zu führen, mit vollem Wissen und Einverständnis der beteiligten Personen.“ Polyamorie unterscheidet sich damit zum Einen von dem Ausleben der in der bürgerlichen Beziehung unterdrückten sexuellen und emotionalen Bedürfnisse durch Seitensprünge, Affären oder Prostitution aufgrund von Werten wie Ehrlichkeit und Kommunikation. Zum Anderen besteht mit den Werten der Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und dem Wohlwollen in Bezug auf die Beziehung ein Unterschied zu dem in den 1960er Jahren popularisierten Begriff der „freien Liebe“, der den Schwerpunkt auf die sexuelle Freizügigkeit legt.

Man kann die polyamore Beziehungsform als eine bewusste Wahl betrachten oder als Folge seiner individuellen Bedürfnisse, aufgrund der Erfahrung, dass monogame Beziehungen nicht funktionierten oder man in diesen nicht glücklich wurde. Man darf sich dadurch aber nicht verleiten lassen, Monogamie als individuelle Wahl abzuwerten. Dies würde bedeuten, ein Dogma durch ein anderes zu ersetzen.