Übers Wetter reden, aber anders – Kapitalismuskritik und Klimawandel

Lange Zeit ein Randthema, sind Energie- und Klimapolitik in der Öffentlichkeit so präsent wie seit rund 20 Jahren nicht mehr. Die durch Klimawandel verursachten ökologischen und sozialen Veränderungen und ihre verheerenden Folgen werden immer deutlicher sichtbar. Die Gefährdung der Reproduktionsgrundlagen von Mensch und Natur spitzt zudem auch die sozialen Gegensätze weiter zu. Schließlich ist der Klimawandel zuvorderst der Politik der kapitalistischen Industrienationen zuzuschreiben, am härtesten getroffen werden hingegen diejenigen, die ihn am wenigsten verursachen. Zwar wächst der Druck auf die Regierenden, entscheidende Weichen zu stellen, doch stimmt die Richtung überhaupt? Unter dem Motto „Für ein ganz anderes Klima“ lädt die Widerstandsgruppe Worms-Wonnegau für den 9. August 2008 zur Diskussion über Zusammenhänge von Klimawandel und Kapitalismus ein und wirbt damit auch für die Beteiligung am diesjährigen „Klimacamp“ vom 15.-24. August 2008 in Hamburg, zu dem ein breites Bündnis in Folge des G8-Gegengipfels in Heiligendamm mobilisiert.

Konsum und Erschöpfung

Die Art und Weise, wie Energierohstoffe angeeignet, Energie erzeugt und verbraucht werden, hängt nicht nur von der technologischen Entwicklung ab. Sie findet im gesellschaftlichen Kontext und dessen Maßstäben statt und wird von diesen geprägt. Die Logik der kapitalistischen Warengesellschaft nun liegt in der Schaffung von immer mehr Wert. Produktion wird zum Selbstzweck und dient nicht der Befriedigung von Bedürfnissen, sondern dem Streben nach Profit und Kapitalakkumulation. Dieser Produktionsprozess greift auf Rohstoffe wie auf ein Warenlager zu und verschleudert in kürzester Zeit fossile und biologische Energieträger, die die umgesetzte Sonnenenergie von Jahrmillionen abspeichern.
Im Rausch des Konsums vergaß man leicht, auf welchen Voraussetzungen der weltwirtschaftliche Boom in den vergangenen Jahren beruhte – und zu welchen Konsequenzen er führt: Mittlerweile erleben wir eine Überproduktion von historischem Ausmaß, die Inflation ist hoch und das Wachstum niedrig, die Raten normalisieren sich, und der Wohlstand der Welt wächst nicht mehr so schnell wie bislang. Die Industrialisierung des Westens, Blitzmodernisierungen in Asien und Afrika und Expansionen hinterließen ein Ressourcenloch, dessen Ausmaß mehr und mehr deutlich wird.

Energie und Kapitalismus

Die grundlegende Bedeutung der Energiewirtschaft für den Kapitalismus erschließt sich in ihrer deutlichsten Form durch die Politik der G8. „Das Wachstum der Weltwirtschaft ist klar mit der Verfügbarkeit von Energieressourcen verbunden“, bringt es die Ramboulliet-Erklärung von 1975 zur Gründung der damaligen mächtigen 6 auf den Punkt. Sie seien überdies entschlossen, „die Energiequellen, die unsere Volkswirtschaften für ihr Wachstum benötigen, zu sichern“.
Anlass dieser Übereinkunft war die erste Ölkrise von 1973, die die westlichen Industriestaaten in die schwerste Rezession der Nachkriegszeit stürzte. Die Begrenztheit der Reserven wurde erstmals sichtbar, aber auch die unbedingte Abhängigkeit einer kapitalistischen Marktordnung von Energieressourcen und deren uneingeschränkter Nutzung.
Die Etablierung eines globalen Energiesystems im Interesse der führenden Konzerne der Energiewirtschaft und der energieintensiven Industrie wurde auch zu einem wichtigen Projekt der G8. Als globale Ressourcenmanager entwickelten sie 2006 in St. Petersburg den „Aktionsplan für eine globale Energiesicherheit“, der den Zugriff der führenden Industrieländer auf die Öl-, Gas- und Uranressourcen in den Förderländern absichern soll.

Der Klimawandel und seine Auswirkungen

Sechs Jahre lang arbeiteten über 600 Wissenschaftler unter Leitung des UN-Klimarats an der Erstellung des 4. UN-Weltklimareports, dessen dritter Teil im Mai 2007 vorgestellt wurde. Der Bericht belegt, dass der Anteil der Treibhausgase in der Luft in den vergangenen 100 Jahren stärker gestiegen ist als in den 20 000 Jahren davor. Bereits im 20. Jahrhundert hatte sich die Erderwärmung beschleunigt, die Dekade 1996 bis 2005 war jedoch die wärmste seit Beginn der Messungen. Die Folgen eines weiteren Temperaturanstiegs, unbekannte Wetterextreme, ein für Millionen Menschen gefährlicher Anstieg des Meeresspiegels und das Aussterben von wahrscheinlich 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten, sind nicht erst seit 2007 bekannt.
Vor allem die, die den Klimawandel am wenigsten verursacht haben, werden unter den Auswirkungen am meisten zu leiden haben. Die rücksichtslose Ausbeutung natürlicher Ressourcen forciert die ökologischen und sozialen Veränderungen, zerstört die Lebensbedingungen und bringt Armut, Krieg, Vertreibung und Flucht für immer mehr Menschen auf der Welt mit sich.

Energiewende und Perspektiven

Das Motto der G8 lautet 2008 beinahe so wie jenes der G6 im Jahre 1975: „Unser gemeinsames Interesse erfordert es, dass wir auch weiterhin zusammenarbeiten, um unsere Abhängigkeit von Energieimporten durch Energiesparen und die Entwicklung alternativer Quellen zu reduzieren.“
Es wird vom Ausbau erneuerbarer Energien gesprochen. Eine „Energiewende“ wird als dritte industrielle Revolution schmackhaft gemacht – und ist doch weit davon entfernt, revolutionär zu sein. Alle Lösungsansätze bewegen sich im Rahmen der bestehenden Ordnung, sind lediglich systemimmanente Alternativen. Denn weiterhin sind freier Markt und globales Wirtschaftswachstum für viele ein Synonym für Wohlstand und Aufstieg; dabei wird durch dieses System die Existenz der Mehrheit der Menschen zerstört und die Zukunft von Mensch und Natur massiv gefährdet. Es gilt, den emanzipativen Moment einer Energiewende zu nutzen, aber gleichzeitig die kapitalistische Produktionsweise und ihre Mechanismen selbst in den Mittelpunkt der Kritik zu rücken.

Klimakonferenz in Worms – Klimacamp in Hamburg

Unter dem Titel „Für ein ganz anderes Klima – Konferenz zur Energiewende“ wird am 9. August 2008 im Wormser Martinushaus (Kämmererstraße 59) Raum sein, den Klimawandel vor dem Hintergrund kapitalistischer Produktionsweise zu beleuchten und über Alternative Energieversorgungskonzepte zu diskutieren. Als Referenten konnte die Widerstandsgruppe Worms-Wonnegau gemeinsam mit der Jenny-Marx-Gesellschaft den renommierten Publizisten und Geophysiker Wolfgang Pomrehn, den Politologen Alexis Passadakis und den Volkswirt Andreas Frank gewinnen. Geplant sind Vorträge, Diskussionen und Workshops, offen für alle Interessierten und ohne Teilnahmegebühr.

Zugleich soll die Veranstaltung über das bevorstehende Klimacamp in Hamburg vom 15.-24. August 2008 informieren und Anstöße für dortige Diskussionen geben. Mehr Infos hierzu unter http://www.klimacamp08.net.