Kulturdiskurs und Integration

Einführung

Es ist schwierig, sich mit dem Thema Integration von MigrantInnen und den damit verbundenen Problemen zu beschäftigen, ohne in Stereotype zu verfallen. „MigrantInnen” von einer fiktiven übrigen „Gesellschaft” gedanklich abzugrenzen und herausgearbeitete Unterschiede zu problematisieren haftet bereits ein fader Beigeschmack an. Und überhaupt: Wer soll sich da eigentlich, wozu und in was integrieren?
Das ist jedoch gerade die Frage, die der Erörterung bedarf. Die Beantwortung eines gesellschaftlich empfundenen Phänomens der politischen Rechten zu überlassen, hat schwerwiegende Folgen, die allen Beteiligten schadet. Darum möchte ich mich in diesem Artikel, gemeinsam mit einer Sozialarbeiterin und einer türkischen Migrantin, diesem Thema nähern.

Integration als Bringschuld

Für die offen fremdenfeindliche, rassistische Rechte ist die Lösung einfach: Da eine „Vermischung” unterschiedlicher Kulturen nicht gewollt und Integration nicht möglich ist, müssen MigrantInnen „in ihre Heimatländer zurückgeführt”, also entrechtet und vertrieben werden. Da Macht und Konkurrenz im Mittelpunkt ihres Denkens steht, kann kulturelle Auseinandersetzung für sie nur bedeuten, sich vor allem Fremden zu schützen, es zu unterjochen oder am besten gleich ganz auszulöschen.
Die gemäßigte Rechte nimmt demgegenüber hin, dass viele MigrantInnen „nun einmal hier sind”. Um dieses „Problem” nicht weiter zuzuspitzen, muss nach ihr zunächst einmal der „Zuzug” von Ausländern „geordnet und beschränkt” werden, wobei insbesondere das „deutsche Sozialsystem” zu schützen ist. Wer hier ist, hat sich in die überlegene „deutsche Leitkultur” zu integrieren. Dies geschieht im Wesentlichen dadurch, dass er die hiesigen Wertvorstellungen „akzeptiert und übernimmt”.

Integrationsbemühungen

Die übrigen Herangehensweisen sind im Wesentlichen ohne chauvinistisches Grundmotiv. Für Strömungen mit wirtschaftlicher Fokussierung steht „Bildung und Qualifikation” im Vordergrund. Integration bedeutet hiernach hauptsächlich Integration „in den Arbeitsmarkt”. Kulturelle Unterschiede werden nicht weiter problematisiert, sondern lediglich als Ressource zur Verbesserung eigener Kapazitäten betrachtet, zumal die Gebräuche im Geschäftsbereich ohnehin weitgehend internationalisiert sind.
Gemeinsamkeiten und die positive Ergänzung der Kulturen betont jene Herangehensweise, die eine multikulturelle Gesellschaft skizziert, wie sie beispielsweise auf interkulturellen Straßenfesten zum Ausdruck kommt. Mit traditionellen Speisen und Tänzen werden die jeweiligen Besonderheiten herausgestellt, Konfliktpunkte und „Schattenseiten“ bleiben hingegen unbeleuchtet.
Diesen wiederum stellen sich Einzelpersonen und soziale Einrichtungen, die versuchen, gesellschaftliche Teilhabe von MigrantInnen durch konkrete, individuelle Hilfe zu ermöglichen, indem sie diesen helfen „aus dem Ghetto herauszukommen” und sich in der „deutschen Gesellschaft“ zurecht zu finden. Dies reicht von Beratungsangeboten in der Heimatsprache, über die Schaffung geschützter Räume, in denen Selbstverwirklichung im hiesigen Sinne stattfinden kann, bis hin zu zwanghafter Anpassung auf dem Wege vorgegebener Integrationsmaßnahmen.

Integration – Wozu?

So wichtig und richtig jede dieser Integrationsbemühungen für den Abbau innerer Barrieren und ein Zusammenrücken in der Gesellschaft ist, beantworten sie doch nicht die Ausgangsfrage, wer sich da nun eigentlich wozu in was integrieren soll.
Der Zweck von Integration kann zunächst aus der Sicht des Einzelnen gesehen werden. Die Integration in eine größere Gemeinschaft, kann für diesen eine Erweiterung seiner Möglichkeiten und damit seiner Persönlichkeitsentfaltung bedeuten. Dies ist sicherlich abhängig von den Werten und Gebräuchen seines persönlichen Umfeldes und denen der größeren Gemeinschaft, in die er integriert wird. Aus Sicht der Gemeinschaft besteht der Vorteil von Integration hierbei, dass deren Werte und Gebräuche bei zunehmender Integration zunehmend gewahrt werden. Sie hat somit auch eine Befriedungsfunktion.

Integration – In was?

Aus freiheitlicher Sicht ist die Ordnungsfunktion von Integration allerdings nur dann positiv, wenn die Gesellschaft auch eine freiheitliche Gesellschaft ist. Nur die Integration in eine freie Gesellschaft ermöglicht eine freie Persönlichkeitsentfaltung. Wesentlich in einem solchen Integrationsprozess ist demnach die Verständigung darüber, wo die Gesellschaft eigentlich hin will, das heißt, welche Werte und Gebräuche die sich zu integrierende Gesellschaft eigentlich haben soll. Für eine emanzipatorische Linke sollte hier die persönliche Entfaltung an oberster Stelle stehn, die nur stattfinden kann, wenn eine materielle Grundversorgung gewährleistet ist. Bezogen auf die aktuelle Gesellschaft in Deutschland könnte die freiheitliche Werteordnung des Grundgesetzes ein erster Bezugspunkt sein, was in einer integrativen Gesellschaft sichergestellt sein soll. Diese kann jedoch lediglich als Mindeststandard fungieren. Über sie hinaus wären zahlreiche Werte und Gebräuche unterschiedlicher Kulturen herauszubilden und einzubringen.

Integration – Wer denn?

Soll Integration jedoch nicht Selbstzweck, sondern eine positive Gesellschaftsentwicklung sein und der angestrebte Wertekonsens nicht diktiert, sondern gemeinsam gefunden werden, wird jedoch klar, dass Integration eine Aufgabe der Gesamtgesellschaft ist. Das Fehlen eines solchen öffentlichen Diskurses, der nicht lediglich das althergebrachte bewahren und aufdrängen will, sondern offen ist für neue Wertimpulse, ist das eigentliche „Problem”, dass als „Integrationsproblem” oder gar „MigrantInnenproblem” wahrgenommen wird. Integration ist daher im Grunde genommen der falsche Begriff. Besser wäre es, von der Erforderlichkeit eines Kulturdiskurses zu sprechen.

„Kızını Dövmeyen Dizini Döver.“

Als Beispiel für einen Wertekonflikt und einen Diskurs hierüber soll die folgende Darstellung einer türkischen MigrantIn dienen, die ein Wertebild betrifft, wie es in der türkischen Gemeinschaft in Deutschland weit verbreitet ist:
„Grundlage der türkischen Gemeinschaft ist eine Vorstellung über die Beziehung von Individuum und Gemeinschaft, die geprägt ist durch gegenseitigen Respekt und einem Selbstverständnis der Unterordnung. Man kann sich aufeinander verlassen, fühlt sich in Familie und Gemeinschaft aufgehoben und zu Hause, ordnet sich aber auch dem Willen der Gemeinschaft unter. Divergiert die eigene Lebensvorstellung mit denen der Gemeinschaft, droht die Isolation. Dies führt dazu, dass eigene Gefühle und Bedürfnisse kaum artikuliert werden.
Das Gesellschaftsbild ist ein althergebrachtes, von Männern gezeichnetes, das von den Frauen als Schicksal zu akzeptieren ist. Maßgabe ist immer noch ein altes türkisches Sprichwort, das den Eltern eine strenge Hand bei der Erziehung ihrer Tochter empfiehlt: ‚Kızını Dövmeyen Dizini Döver.‘, zu deutsch: ‚Wer seine Tochter nicht schlägt, haut sich auf’s Knie.‘
Versuche, ein ganz neues Bild zu zeichnen, konnten zwar eine berufliche und akademische Etablierung von Frauen erreichen, weite Teile der Persönlichkeitsentfaltung, wie Selbstbestimmung in Sexualität und Partnerschaft sind jedoch ausgeblieben.
Unter dem Druck der Gemeinschaft wird beispielsweise ein Zusammenleben ohne Eheversprechen von den Eltern nicht geduldet. Selten stellen Mädchen ihren Eltern einen Freund vor, den sie nicht gleich heiraten wollen. Es herrscht der Gedanke, eine Frau solle jungfräulich in die Ehe gehen und sich lediglich ihrem Mann hingeben. Unabhängig von Bildungsgrad und wirtschaftlicher Unabhängigkeit, werden junge türkische Frauen dadurch häufig in ein Lügenkostüm gezwängt. Manche lassen sich etwa das Jungfernhäutchen zunähen, um von der Gemein-schaft nicht als schlechtes Mädchen betrachtet zu werden.”

Beitrag zum Kulturdiskurs

Betrachtet man das beschriebene Frauen- und Familienbild unter dem Gesichtpunkt der Emanzipation, wird deutlich, dass ein Diskurs hierüber erforderlich ist. Es wäre verantwortungslos zu ignorieren, wenn Frauen eines Kulturkreises unserer Gesellschaft in ein bestimmtes Rollenbild gezwängt werden und hierunter leiden. Selbstverständlich sind patriarchalische Strukturen überall verbreitet und kein spezifisch türkisches Phänomen. Da sie als Folge einer kulturellen Wertvorstellung in Teilen der türkischen Gemeinschaft in Deutschland jedoch besonders eingebettet und betrieben werden, wäre es ignorant, sie lediglich unter der generellen Emanzipations-Thematik zu behandeln. Die Diskussion ginge dann am Eigentlichen vorbei: Einer Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Wertvorstellungen. Auch wenn für eine emanzipatorische Linke die Persönlichkeitsentfaltung des Einzelnen Priorität hat, ist damit das Ergebnis eines solchen Diskurses nicht vorweggenommen. Denn was wäre als Alternative anzubieten – die Haltlosigkeit und Vereinzelung der westlichen Gesellschaft?


1 Antwort auf „Kulturdiskurs und Integration“


  1. 1 Between Emancipation and Authority Trackback am 23. September 2011 um 23:04 Uhr
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