Verkürzte Kritik ist nicht die halbe Miete

…denn Sarrazin ist der gesellschaftliche Normalzustand

Zurecht riefen das Magazin FICKO und weitere Mainzer Gruppen und Verbände dazu auf, gegen den Auftritt von Thilo Sarrazin bei der Mainzer Ranzengarde zu protestieren. Mit einer relativ flachen Kritik an den rassistischen Thesen Sarrazins ist es gelungen, einige Hundert Mainzerinnen und Mainzer auf die Straße zu bringen für die Sarrazin ein unwillkommener Provokateur ist. Doch leider greift diese Kritik zu kurz.

Zweifelsohne stellt der krude Biologismus, den Sarrazin in seinem Buch zu entwickeln versucht, eine für die Verhältnisse nach 1945 neue Qualität eines bürgerlichen Rassismus und Sozialdarwinismus dar. An der breiten Zustimmung in der Öffentlichkeit zeigt sich jedoch auch, dass Wiederholungstäter Sarrazin, der schon in den vergangenen Jahren regelmäßig durch Hohn und Verachtung gegenüber Arbeitslosen und anderen sozial Benachteiligten auffiel, damit längst mitten im bürgerlichen Diskurs liegt. Dass die Springer-Presse daraus eine Hetzkampagne strickt, braucht niemanden zu wundern – bezeichnender ist die breite Zustimmung in der bürgerlichen Mittelschicht.

Sarrazin als Störer des ach so friedfertigen Normalzustandes an den Pranger zu stellen, stellt daher die Verhältnisse auf den Kopf. So fällt nicht nur die gesellschaftliche Dimension des Rassismus unter den Tisch.
Vernebelt wird auch der Blick auf die – Sarrazins Thesen zugrundeliegende – sozialdarwinistische Konkurrenzideologie, die weitverbreitete Vorstellung nämlich, dass es in der Natur des Menschen liege, dass „unser“ gutes Leben von den Ansprüchen „der anderen“ bedroht sei und deshalb stets nur gegen „die anderen“ zu erringen sei.

Diese Zusammenhänge aufzuzeigen ist unabdingbar. Sie in Form einer verkürzten und personalisierenden Kritik zu unterschlagen, lässt das falsche Bild entstehen, der eine böse, widerwärtige „Rassist“ stünde der „gutmenschlichen“ Mehrheitsgesellschaft gegenüber.
Auf diese Weise wird der gesellschaftliche Normalzustand zur Kontrastfolie geadelt, zum schützenswerten Gegenpol, den es gegen Provokateure und Spalter wie Sarrazin zu verteidigen gilt.

„Sarrazin übertreibt“, sagen viele. Mag sein. Aber eben diese gesellschaftliche Normalität, die Sarrazin lediglich weiter zu verschärfen beabsichtigt, produziert jeden Tag ungleich mehr Feindseligkeit als der Schwachsinn, den ein Hetzpropagandist wie Sarrazin zu verzapfen vermag.
Anders gesagt: Das Problem ist nicht Sarrazin – das Problem ist der Ottonormaldeutsche, der sich an Sarrazins Buch aufgeilt, da er sich mit seinem Rassis-mus endlich wieder aufseiten der Mehrheit fühlen darf.

Alles super in Rheinland-Pfalz? Sorry, Kurt Beck, sorry, liebe SPD – Rheinland-Pfalz ist keinen Deut anders als andere Bundesländer. Das zeigt sich nicht erst an den Zuständen im Abschiebeknast Ingelheim, dem Auffanglager bei Ludwigshafen oder auch bei den Ausländerbehörden im ganzen Land.
Vielmehr ist die ganze, gerne gepflegte Rhetorik der Toleranz reine Augenwischerei. Sie endet genau dort, wo struktureller Rassismus und Ausländerfeindlichkeit für die Standortinteressen nützlich werden.

Da geht es freilich nicht um schrillen, pauschalen Rassismus, sondern darum, „Nützlinge“, die man willkommen heißt, von „Schädlingen“ auseinanderzuhalten, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden oder nach Möglichkeit gleich ganz heraus aus der Gesellschaft. In diesem „Nützlichkeitsrassismus“ schenken sich unsere Politiker der „bürgerlichen Mitte“ – ob nun Mitte links oder Mitte rechts – rein gar nichts, auch hier in Rheinland-Pfalz. Es gibt also überhaupt keinen Grund, Sarrazin und Mainz für etwas Gegensätzliches zu halten. Sarrazin ist in Mainz ganz genauso zuhause wie in Berlin oder sonstwo.

Wenn wir wirklich eine Gesellschaft ohne Rassismus wollen, eine Gesellschaft, die Menschen nicht nach dem Grad der Nützlichkeit für den Wirtschaftsstandort Deutschland bewertet, selektiert und ausgrenzt; wenn wir eine Gesellschaft ohne staatliche Erniedrigung wollen, ohne Abschiebungen und ohne rassistische Ausländergesetze, ohne gezielte Massenverarmung und die unvermeidliche sozialstaatliche Überlebenshilfe namens Hartz IV, dann ist es völlig verkehrt, Thilo Sarrazin zum schwarzen Schaf, zur gesellschaftlichen Ausnahme- oder Randerscheinung hochzustilisieren.
Es ist bestenfalls Moralhygiene, keineswegs jedoch die halbe Miete.

Wenn wir wirklich wollen, dass sich irgendetwas zum Besseren ändert, dann müssen wir etwas ganz anderes deutlich machen: nämlich dass wir gegen den Normalzustand dieser Gesellschaft aufbegehren.

Das konnte man durchaus auch diesen Sonntag in Mainz.


1 Antwort auf „Verkürzte Kritik ist nicht die halbe Miete“


  1. 1 Gruß von der asj 13. Januar 2011 um 22:29 Uhr

    Sehr guter Artikel !
    Hat Bock gemachtzu lesen…

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