IL-Erklärung zu „Castor Schottern“

An alle, die mit uns ge­schot­tert haben … an die, die zu­künf­tig schot­tern … und ei­ni­ges mehr wol­len.

Eine Er­klä­rung der In­ter­ven­tio­nis­ti­schen Lin­ken (IL) zur Kam­pa­gne Cas­tor Schot­tern und den Grund­la­gen künf­ti­ger in­ter­ven­tio­nis­ti­scher Pra­xis:

Vor­be­mer­kung.

Wir ver­öf­fent­li­chen die­ses Pa­pier unter dem Ein­druck von Er­eig­nis­sen, die vor allem eines zei­gen: das ge­fäl­li­ge Ge­re­de der Herr­schen­den, man habe die Dinge „im Griff“, ist nichts als Ge­re­de. Der ein­zig sta­bi­le Fak­tor der ge­gen­wär­ti­gen Welt­ver­hält­nis­se ist ihre grund­le­gen­de In­sta­bi­li­tät.

Na­tür­lich ist hier zu­nächst der GAU von Fu­kus­hi­ma zu nen­nen: Nach Tscher­no­byl ge­schieht zum zwei­ten Mal, wor­auf der welt­wei­te Wi­der­stand gegen Atom­tech­no­lo­gie, Atom­staat und Atom­ka­pi­tal immer schon ver­wie­sen hat, was in Wahr­heit auch alle an­de­ren wuss­ten, doch bil­li­gend, d.h. mas­sen­mör­de­risch und le­bens­ver­nich­tend in Kauf nah­men. Die Re­ak­ti­on der Ver­ant­wort­li­chen auf die vor­her­seh­ba­re Ka­ta­stro­phe ist nicht nur nicht sou­ve­rän – sie ist er­bärm­lich. Man hält sich an der Macht, weil man schon an der Macht ist und das auch künf­tig blei­ben will. Po­li­tik re­du­ziert sich auf Herr­schafts­si­che­rung, durch­ge­setzt durch all­täg­li­che öko­no­mi­sche Er­pres­sung, sys­te­ma­tisch be­trie­be­ne Kon­fu­si­on und den nicht erst letzt­end­li­chen Ein­satz bü­ro­kra­ti­scher, po­li­zei­li­cher und mi­li­tä­ri­scher Ge­walt. In der BRD fol­gen auf den GAU von Fu­kus­hi­ma und die offen de­mons­trier­te Ohn­macht und Hilf­lo­sig­keit einer Füh­rungs­macht der Welt­ord­nung im Stun­den-​und-​Ta­ges-​Takt das Drei-​Mo­nats-​Mo­ra­to­ri­um, die größ­ten An­ti-​AKW-​De­mons­tra­tio­nen der Ge­schich­te samt wahl­po­li­ti­schen Kon­fu­sio­nen, ab­ge­half­ter­ter Po­li­ti­ker stam­meln „Wir haben ver­stan­den!“ und der RWE-​Kon­zern – so­weit die neu­es­te Wende – reicht erst­mal Klage ein: zur Si­che­rung des lau­fen­den Ge­schäfts unter allen er­denk­li­chen Um­stän­den

Nicht nur nen­nen, son­dern be­geis­tert be­grü­ßen wol­len wir dann die Folge un­er­war­te­ter Er­he­bun­gen, in der die Mas­sen­be­we­gun­gen der nord­afri­ka­ni­schen und west­asia­ti­schen Städ­te bin­nen we­ni­ger Wo­chen jahr­zehn­te­lang herr­schen­de au­to­ri­tä­re Re­gime ge­stürzt oder grund­le­gend ge­schwächt haben. Dabei setz­ten die Leute ihr Recht zur frei­en Ver­samm­lung auf den öf­fent­li­chen Plät­zen auch gegen bru­ta­le An­grif­fe der staat­li­chen Ge­waltap­pa­ra­te durch und grif­fen dazu schließ­lich auch zu den Waf­fen.

Nach­dem EU und USA die stür­zen­den Re­gime zu­nächst hal­ten woll­ten, nah­men sie den Auf­stand gegen das Gad­da­fi-​Sys­tem – re­pres­siv und kor­rupt seit Jahr­zehn­ten und zu­letzt hoch­ge­rüs­te­ter Vor­pos­ten der men­schen­ver­ach­ten­den eu­ro­päi­schen Mi­gra­ti­ons­ab­wehr – zum An­lass, selbst mi­li­tä­risch zu in­ter­ve­nie­ren. Die Ak­ti­on ist der ge­ra­de­zu ver­zwei­fel­te Ver­such, die außer Kon­trol­le ge­ra­te­ne Be­we­gung wie­der in den Griff zu be­kom­men.

Nicht zu ver­ges­sen schließ­lich die Fi­nanz­kri­se. Dass auch sie nach wie vor kei­nes­wegs „im Griff“ ist, be­legt das Drän­gen des IWF zur völ­li­gen „Um­schul­dung“ Grie­chen­lands, dem dann Ir­land und Por­tu­gal fol­gen sol­len. Gleich­zei­tig trennt sich der welt­weit größ­te An­lei­hen­in­ves­tor Pimco, der schon beim Zu­sam­men­bruch des Im­mo­bi­li­en­markts den Start­schuss gab, auf einen Schlag von sämt­li­chen US-​Staats­an­lei­hen: und gibt als ak­tu­el­len Grund die staat­li­chen So­zi­al­pro­gram­me an.

Hal­ten wir an die­ser Stel­le fest: das alles kann lange, lange noch so wei­ter gehen. Zu­gleich ist nicht aus­ge­schlos­sen, den Aus­stieg aus der Atom­tech­no­lo­gie und eine tief­grei­fen­de Um­wäl­zung der En­er­gie­po­li­tik jetzt end­lich durch­set­zen zu kön­nen. Dazu brau­chen wir, neben der Acht­sam­keit für die plötz­li­che Be­schleu­ni­gung der Kri­sen und der Of­fen­heit für das Un­er­war­te­te, die Ge­duld, mit dem fort­zu­fah­ren, was wir schon be­gon­nen haben. Im Feld des Kamp­fes gegen Atom­tech­no­lo­gie, Atom­staat und Atom­ka­pi­tal war dies vor Fu­kus­hi­ma schon die Kam­pa­gne Schot­tern 2010, die im kol­lek­ti­ven Ge­dächt­nis lin­ker Be­we­gun­gen der BRD zu Recht ihre Spu­ren hin­ter­las­sen hat. Der Aus­wer­tung der in ihr ge­mach­ten Er­fah­rung gilt der fol­gen­de Be­richt, als Blick zu­rück und nach vorn.

Put your money where your mouth is

Cas­tor Schot­tern war für uns, um das vor allem an­dern fest­zu­hal­ten, ein er­hol­sa­mer Aus­bruch aus dem All­tag lin­ken Schei­terns. Zen­tra­les Ziel der IL-​Pra­xis im All­ge­mei­nen und der IL-​Be­tei­li­gung an der Kam­pa­gne Cas­tor Schot­tern im Be­son­de­ren war und ist es, die Hand­lungs­fä­hig­keit (nicht nur) der ra­di­ka­len Lin­ken zu er­wei­tern. In der all­täg­li­chen Pra­xis der ver­schie­de­nen lin­ken Strö­mun­gen wird die­ser nicht nur von uns er­ho­be­ne for­mu­lier­te An­spruch lei­der sel­ten ein­ge­löst: Allzu oft ma­chen wir auf Ak­tio­nen (gar nicht erst zu spre­chen von un­se­rem All­tag) die Er­fah­rung der ei­ge­nen Macht­lo­sig­keit. Auf­ru­fe, dies und das zu be­set­zen, ein­zu­rei­ßen oder ab­zu­schaf­fen, enden vor po­li­zei­li­chen Ab­sperr­git­tern und der mü­ßi­gen Er­fah­rung, dass „die Bul­len wie­der mal ma­chen kön­nen was sie wol­len!“

Aus die­sem Leer­lauf wol­len wir raus, wol­len uns selbst und an­de­ren die Er­fah­rung er­mög­li­chen, hand­lungs­fä­hig und -​mäch­tig zu sein. Dazu müs­sen wir zu­erst aus den Er­fah­run­gen ler­nen, die uns ohn­mäch­tig zu­rück las­sen: Wir kön­nen nicht (mehr) ein­fach an­kün­di­gen, die­ses oder jenes „ab­schaf­fen“ oder auch nur „an­grei­fen“ zu wol­len und dann dar­auf spe­ku­lie­ren, dass das alles ge­heim und in klei­nen Krei­sen vor­be­rei­tet und um­ge­setzt wird. Uns geht es stets um öf­fent­lich an­ge­kün­dig­te und dann auch rea­li­sier­te Mas­sen­ak­tio­nen. Diese stra­te­gi­sche Ent­schei­dung ist je­doch keine Ab­sa­ge an au­to­no­me Klein­grup­pen­kon­zep­te. Im Ge­gen­teil kön­nen Klein­grup­pen­ak­tio­nen oft eine sinn­vol­le Er­gän­zung zu Mas­sen­ak­tio­nen sein, wie z.B. bei der Sper­rung von Wald­we­gen im Wend­land oder auch bei den Ak­tio­nen gegen den Na­zi­auf­mar­sches in Dres­den, der 2010 – und mit Ab­stri­chen auch 2011 – durch eine ge­gen­sei­ti­ge Un­ter­stüt­zung von Mas­sen­blo­ckie­ren­den und fle­xi­blen Klein­grup­pen ver­hin­dert wurde.

In­iti­iert von au­to­no­men Ge­nos­s_in­nen, von der IL mit­ge­tra­gen.

Cas­tor Schot­tern war keine von der IL in­iti­ier­te Ak­ti­on, son­dern die Idee au­to­no­mer Zu­sam­men­hän­ge, die seit lan­gem im Wend­land aktiv sind und ihre Er­fah­run­gen über Jahre hin­weg ste­tig aus­wer­te­ten. Aus die­sen Er­fah­run­gen und in der Ab­sicht, die ei­ge­ne Ak­ti­on durch neue Bünd­nis­se zu ent­wi­ckeln, tra­ten diese Zu­sam­men­hän­ge an uns heran. In­so­fern war Cas­tor Schot­tern nur als Wei­ter­ent­wick­lung der Kam­pa­gne „Ge­mein­sam kom­men wir zum Zug“, nur in der Ste­tig­keit or­ga­ni­sier­ter links­ra­di­ka­ler und au­to­no­mer Be­tei­li­gung an der An­ti-​Atom-​Be­we­gung und nur durch ihre ein­zig­ar­ti­ge Ver­an­ker­ung in der Göhr­de und im Wend­land-​Pro­test­spek­trum mög­lich. Wir den­ken aber auch, dass die Kam­pa­gne ohne die Er­fah­run­gen und Ak­ti­vi­tä­ten der IL nicht so ge­lau­fen wäre, wie sie es ist.

Für un­se­re po­li­ti­sche Pra­xis ist Selbst­er­mäch­ti­gung in dop­pel­ter Hin­sicht eine zen­tra­le Ka­te­go­rie. Wich­tig ist uns ers­tens die Selbst­er­mäch­ti­gung zur Ak­ti­on. Wir wol­len ge­mein­sam mit vie­len Men­schen kämp­fen, die nicht schon von vorn­her­ein wie wir den­ken und han­deln. Not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung dafür sind Trans­pa­renz und Be­re­chen­bar­keit für alle, die sich an einer Kam­pa­gne oder ein­zel­nen Ak­tio­nen be­tei­li­gen wol­len. Um sich Kam­pa­gnen und Ak­tio­nen selbst an­eig­nen zu kön­nen, müs­sen alle wis­sen, wor­auf sie sich ein­las­sen. Es ist of­fen­sicht­lich, dass das bei Cas­tor Schot­tern weit über die Sze­ne­gren­zen hin­weg ge­lun­gen ist. Dafür war das ver­bind­li­che Ak­ti­ons­bild eben­so wich­tig wie die Ak­ti­ons­trai­nings und Info-​Ver­an­stal­tun­gen.

Uns ist be­wusst, dass öf­fent­lich her­ge­stell­te Be­re­chen­bar­keit und Trans­pa­renz auch von Staats­ap­pa­ra­ten ge­nutzt wer­den kön­nen. Doch gibt es dazu, wenn wir die mas­sen­haf­te Selbst­er­mäch­ti­gung wol­len, der­zeit keine Al­ter­na­ti­ve. Zu­gleich hat sich ge­zeigt, dass wir für die Staats­macht in vie­len Si­tua­tio­nen trotz­dem un­kon­trol­lier­bar waren.

Wich­tig ist uns zwei­tens die Selbst­er­mäch­ti­gung durch die Ak­ti­on – und die ge­gen­sei­ti­ge Ver­stär­kung bei­der Di­men­sio­nen der Selbst­er­mäch­ti­gung. Nach un­se­rer Wahr­neh­mung hat­ten viele Ak­ti­vis­t_in­nen wäh­rend und nach der Ak­ti­on zu Recht das Ge­fühl, hand­lungs­fä­hig ge­we­sen zu sein, Agie­ren­de/r ge­we­sen zu sein – und nicht Opfer von Po­li­zei­ge­walt und staat­li­cher Will­kür. Viele haben – und sei es nur für einen Mo­ment – die Er­fah­rung ma­chen kön­nen, die ei­ge­nen Be­dürf­nis­se und Ziele nicht län­ger in die Hände an­de­rer ge­ge­ben, son­dern ge­mein­sam und so­li­da­risch ge­kämpft zu haben. Mit die­sen Er­fah­run­gen er­obern wir kol­lek­ti­ve Hand­lungs­fä­hig­keit zu­rück und bre­chen ge­mein­sam aus Ohn­macht und Ver­ein­zelung aus.

Ra­di­ka­li­sie­rung? Ra­di­ka­li­sie­rung!

Im kol­lek­ti­ven Auf­tre­ten (Selbst­schutz, prak­ti­zier­tes Recht auf An­ony­mi­tät) wie im Ni­veau der Kon­fron­ta­ti­on hat die Kam­pa­gne Schot­tern ra­di­ka­li­siert, was hier in der letz­ten De­ka­de an Mas­sen­ak­tio­nen mög­lich war. Ihr Er­folg er­in­nert an den der ita­lie­ni­schen Tute Bi­an­che, die in den 90er Jah­ren das Kon­zept des ge­schütz­ten zi­vi­len Un­ge­hor­sams ent­wi­ckelt haben. Auch sie haben im ge­mein­sa­men Han­deln mit vie­len an­de­ren Neues ge­wagt und ge­lernt, dass man vor der Po­li­zei nicht immer weg ren­nen muss, dass es mit den nö­ti­gen Vor­keh­run­gen sogar mög­lich ist, prü­geln­den Po­li­zis­ten (und sei es zeit­wei­lig) stand­zu­hal­ten. Wir haben uns ver­lo­ren ge­glaub­tes Ter­rain wie­der­an­ge­eig­net. Un­se­re Hoff­nung, dass diese Er­fah­rung mit­tel-​ und lang­fris­tig auf an­de­re Ak­tio­nen und an­de­re Ak­teur_in­nen aus­strahlt, haben sich schon wäh­rend der Dres­dner An­ti-​Na­zi-​Blo­cka­den des Fe­bru­ar 2011 be­stä­tigt: der Spi­rit ist an­ge­kom­men. Die Sper­rung einer Stra­ße durch Po­li­zei­ket­ten be­deu­tet eben nicht jedem Fall, dass wir nicht genau da lang gehen kön­nen.

Na­tür­lich ist das Kon­fron­ta­ti­ons­ni­veau der Ak­ti­on nur ein As­pekt der um­fas­sen­den Ra­di­ka­li­sie­rung, die wir wol­len. Unser Ziel ist viel­mehr eine ra­di­ka­le Linke, die den Pro­zess der Trans­for­ma­ti­on immer auch am de­mo­kra­ti­schen Po­ten­zi­al der Be­we­gung Vie­ler, letzt­lich von Mehr­hei­ten misst und des­halb immer auch auf Mas­sen­ra­di­ka­li­tät setzt.

Dar­aus er­gibt sich für uns die Not­wen­dig­keit, für tau­sen­de, für zehn­tau­sen­de Men­schen ein par­ti­zi­pa­ti­ves An­ge­bot selbst­be­stimm­ten ge­mein­sa­men Han­delns zu schaf­fen. Dar­aus re­sul­tiert dann u.a. die Not­wen­dig­keit zu ver­läss­li­chen Ver­ein­ba­run­gen, zu Trans­pa­renz, zur Be­reit­stel­lung von In­fra­struk­tur vor und wäh­rend der Ak­ti­on, zu einer Viel­zahl von Ak­ti­ons­trai­nings und In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen und damit zum dazu er­for­der­li­chen Or­ga­ni­sa­ti­ons­grad.

Be­son­ders her­aus­he­ben wol­len wir in die­sem Kon­text die Pres­se­ar­beit von Cas­tor Schot­tern, der es ge­lun­gen ist, il­le­ga­len Ak­tio­nen und Mas­sen­mi­li­tanz eine brei­te Ak­zep­tanz zu schaf­fen. Dabei haben wir mit den sog. „em­bed­ded jour­na­lists“ in der Göhr­de über­wie­gend po­si­ti­ve Er­fah­run­gen ge­sam­melt. Na­tür­lich sind wir uns be­wusst, dass eine der­art er­folg­rei­che Pres­se­ar­beit immer ein Stück weit nach den Re­geln der Me­di­en ge­spielt wer­den muss und damit pro­ble­ma­ti­sche For­men von Re­prä­sen­ta­ti­on re­pro­du­ziert. Doch nimmt, wer glaubt, dass so etwas „herr­schafts­frei“ mög­lich sei, die ei­ge­ne Ana­ly­se der Mas­sen­me­di­en ka­pi­ta­lis­ti­scher Herr­schaft nicht ernst. Wir selbst kön­nen im Ver­gleich zu Hei­li­gen­damm auf ei­ge­ne Fort­schrit­te ver­wei­sen und hal­ten gegen be­stimm­te Ge­rüch­te aus­drück­lich fest, dass es von un­se­rer Seite im Cas­tor-​Zu­sam­men­hang keine Dis­tan­zie­rung von mi­li­tan­ten Ak­tio­nen ge­ge­ben hat, auch nicht zu denen gegen die Ber­li­ner S-​Bahn.

Punk­tu­el­le In­fra­ge­stel­lun­gen der Le­gi­ti­mi­tät des staat­li­chen Han­delns und des Ge­walt­mo­no­pols des Atom­staats gab es im Wend­land auch frü­her schon. Das Neue der Kam­pa­gne Schot­tern war, dies vorab öf­fent­lich pro­pa­giert und des­halb auch ge­mein­sam und mas­sen­haft um­ge­setzt zu haben. Hier liegt ein we­sent­li­cher Un­ter­schied zu klan­des­ti­nen Klein­grup­pen­kon­zep­ten, die nach ihren Mög­lich­kei­ten sinn­voll blei­ben: Wir wol­len, dass un­se­re Ak­tio­nen, ihr Sinn und ihre Aus­sa­gen die Men­schen er­rei­chen, emo­tio­nal und ra­tio­nal nach­voll­zo­gen und des­halb als le­gi­tim ver­stan­den wer­den kön­nen. Eine ra­di­ka­le Linke, die ihre Ziele und Ak­tio­nen auf län­ge­re Sicht nicht öf­fent­lich le­gi­ti­mie­ren kann, wird nicht zur Ge­gen­macht wer­den, ge­schwei­ge denn das Tor zu einer eman­zi­pa­to­ri­schen Ge­sell­schaft auf­sto­ßen.

Über Mas­sen­mi­li­tanz, Sa­bo­ta­ge und Zi­vi­len Un­ge­hor­sam

Die Ver­wen­dung des Be­griffs „Zi­vi­ler Un­ge­hor­sam“ im Zu­sam­men­hang mit den Ak­tio­nen der Kam­pa­gne Cas­tor Schot­tern ist auf Kri­tik ge­sto­ßen, auch in der IL nicht un­um­strit­ten und si­cher kein uni­ver­sa­ler Be­zugs­punkt. Wir den­ken den­noch, dass der Be­griff sinn­voll ist, so­fern er der ra­di­ka­len Lin­ken be­son­ders dort An­schlüs­se öff­net, wo re­ge­l­über­schrei­ten­der Pro­test im Prin­zip be­reits an­er­kannt ist. Der von uns seit der Mo­bi­li­sie­rung zu Hei­li­gen­damm 2007 und jetzt auch in der Kam­pa­gne Schot­tern be­nutz­te Be­griff ist nicht an sich re­for­mis­tisch, li­be­ral oder gar re­ak­tio­när: Ent­schei­dend ist viel­mehr, mit wel­cher Be­deu­tung, also mit wel­cher Pra­xis wir ihn fül­len. So gel­ten in vie­len eu­ro­päi­schen Län­dern mas­si­ve For­men der Sach­be­schä­di­gung mi­li­tä­ri­scher Ein­rich­tun­gen und Waf­fen als Zi­vi­ler Un­ge­hor­sam. Die Schot­tern-​Kam­pa­gne hat den Be­griff aus sei­ner pas­si­ven Eng­füh­rung („nur Hin­set­zen ist Zi­vi­ler Un­ge­hor­sam“) ge­löst und auf eine mas­sen­mi­li­tan­te Ak­ti­on be­zie­hen kön­nen, die öf­fent­lich zur Sa­bo­ta­ge ato­ma­rer In­fra­struk­tur auf­ge­ru­fen und dies auch getan hat. Im Üb­ri­gen scheint uns die Aus­ein­an­der­set­zung um den Be­griff ge­ne­ra­ti­ons­be­dingt zu sein: Der Be­griff meint seit Hei­li­gen­damm nicht mehr das­sel­be wie in den Pro­tes­ten etwa gegen die Ra­ke­ten­sta­tio­nie­run­gen der 1980er Jahre, von denen sich der Mi­li­tanz­be­griff der au­to­no­men Strö­mung ab­zu­set­zen such­te.

Von der Not­wen­dig­keit, an­de­re Ak­teur_in­nen ein­zu­be­zie­hen.

In der De­bat­te um die Kam­pa­gne Cas­tor Schot­tern war die Be­tei­li­gung wei­te­rer Ak­teur_in­nen eine zen­tra­le Frage. Für uns war und ist die Brei­te und Viel­falt des Wend­land-​Wi­der­stan­des und die große So­li­da­ri­tät der an­de­ren Teile der An­ti-​Atom-​Be­we­gung eine not­wen­di­ge Be­din­gung für den qua­li­ta­ti­ven Sprung in den Ak­ti­ons­for­men. Es­sen­zi­ell war auch die brei­te Un­ter­stüt­zung, ins­be­son­de­re die Puf­fer­funk­ti­on, die vor allem durch Ab­ge­ord­ne­te der Links­par­tei NRW ge­leis­tet wurde: Sie waren ein Schild gegen die staat­li­che Re­pres­si­on, den wir – wei­ter­hin of­fen­siv in der Öf­fent­lich­keit agie­rend – be­nö­tig­ten. Dass es der Kam­pa­gne Cas­tor Schot­tern ge­lin­gen würde, sich breit zu öff­nen und über den links­ra­di­ka­len Kreis hin­aus zu wir­ken, war nicht von vorne her­ein aus­ge­macht und hat viel Ar­beit und Ner­ven ge­kos­tet. Wir er­in­nern uns noch sehr gut daran, dass wie vie­len Be­tei­lig­ten auch uns die Angst im Na­cken saß, es würde schon im Vor­feld zu einer breit an­ge­leg­ten Re­pres­si­on kom­men: es sah, wir räu­men das ein, eine Zeit lang eher nach Schlot­tern statt nach Schot­tern aus.

Dem bünd­nis­po­li­ti­schen Kom­pro­miss, der z.B. der Grü­nen Ju­gend (GJ) die Un­ter­stüt­zung un­se­rer Kam­pa­gne un­ter­sag­te, re­spek­tie­ren wir, auch wenn wir ihn erst nach lan­gem (wei­ter fort­dau­ern­den) in­ter­nen Streit zäh­ne­knir­schend ak­zep­tiert haben.

Die Frage nach Ak­teur_in­nen ist immer auch eine nach Orten. Wir wis­sen, dass die tem­po­rä­ren Aus­brü­che bei Groß­er­eig­nis­se und über­grei­fen­den Kam­pa­gnen nur ein Zwi­schen­schritt sein kön­nen auf dem Weg zur (Wie­der-​)An­eig­nung eines po­li­ti­schen All­tags. Aber sie sind wich­ti­ge Schrit­te und wir kön­nen sie gehen.

Blick zu­rück nach vorne

Die IL be­tei­lig­te sich bis­lang und be­tei­ligt sich wei­ter­hin in den Struk­tu­ren der Kam­pa­gne Cas­tor Schot­tern, an den Aus­wer­tun­gen der Ak­ti­vi­tä­ten von 2010 und der Vor­be­rei­tung der kom­men­den Ak­ti­vi­tä­ten. Dort ist der Ort, über kon­kre­te De­tails, ge­mach­te Feh­ler und mög­li­che Pro­blem­lö­sun­gen zu reden. Dass sich unter den nach Fu­kus­hi­ma ein­ge­tre­te­nen Be­din­gun­gen neue Mög­lich­kei­ten öff­nen wer­den, ist uns be­wusst. Wenn wir uns hier zu den fol­gen­den Po­si­tio­nen und Auf­ga­ben ver­pflich­ten, tun wir das auch in der Be­reit­schaft, längst ge­füll­te Ter­min­ka­len­der kurz ent­schlos­sen weg­zu­wer­fen und mit allen an­de­ren das zu tun, was bis dahin nicht mög­lich war:

- Für die IL als Or­ga­ni­sie­rung ra­di­ka­ler und mi­li­tan­ter Lin­ker bleibt der Kampf gegen den Atom­staat ein we­sent­li­ches Mo­ment im Wi­der­stand gegen ka­pi­ta­lis­ti­sche, ras­sis­ti­sche und pa­tri­ar­cha­le Herr­schaft und dem dar­aus wach­sen­den, of­fe­nen Pro­zess der re­vo­lu­tio­nä­ren Trans­for­ma­ti­on, hier, an­ders­wo, über­all.

- Auch in der ak­tu­el­len Be­schleu­ni­gung der Kri­sen und ge­gen­wär­tig nicht zu über­se­hen­den Wen­dun­gen kommt dem Wi­der­stand gegen die Atom­trans­por­te ins Wend­land dabei eine her­aus­ra­gen­de Rolle zu.

- Wir wer­den des­halb die Er­fah­run­gen von 2010 nut­zen, um un­se­re wie die ge­mein­sa­men Ak­ti­ons­for­men und die sie tra­gen­den Struk­tu­ren zu ver­bes­sern, auch um ge­mein­sam Kon­zep­te zu ent­wi­ckeln, wie die Ak­ti­vis­t_in­nen bes­ser ge­schützt und in Groß­grup­pen schnel­ler hand­lungs­fä­hig wer­den kön­nen.

- Wir möch­ten mehr Men­schen mo­ti­vie­ren, sich nicht „nur“ am Pro­test, son­dern auch an dau­er­haf­ten Wi­der­stand gegen Atom­tech­no­lo­gie, Atom­staat und Atom­ka­pi­tal und schließ­lich am lan­gen Pro­zess der Trans­for­ma­ti­on der Ver­hält­nis­se zu be­tei­li­gen, ihn zu ihrem ei­ge­nen Pro­zess zu ma­chen.

- Wir möch­ten dabei mit­wir­ken, eine Cho­reo­gra­fie des Wi­der­stands zu ent­wi­ckeln, die auf einer so­li­da­ri­schen Viel­falt grün­det und ihr zu Spra­che und Aus­druck ver­hilft.

- Wir rufen dazu auf, die Kam­pa­gne Cas­tor Schot­tern 2011 zu un­ter­stüt­zen: Für die so­for­ti­ge Still­le­gung aller Atom­an­la­gen! Für die Ent­eig­nung und Ver­ge­sell­schaf­tung der En­er­gie­kon­zer­ne!

- Wir ver­ges­sen nicht, dass ge­ra­de heute der Wi­der­stand gegen den im­pe­ria­len Krieg nicht ver­nach­läs­sigt wer­den darf, dass wir in viel­fa­cher Hin­sicht zum Wi­der­stand auf­ge­ru­fen sind.

Ein letz­tes Wort an die, die uns vor­wer­fen, die Ak­ti­on zum In­halt zu ma­chen. Nein, das tun wir nicht. Al­ler­dings be­ste­hen wir ent­schie­de­ner als an­de­re auf ihrem un­trenn­ba­ren Zu­sam­men­hang. In lin­ker und hier ins­be­son­de­re in links­ra­di­ka­ler Per­spek­ti­ve liegt die­ser Zu­sam­men­hang zu­erst und zu­letzt in der Selbst­er­mäch­ti­gung, und diese ist zu­erst eine sol­che zur und durch die Ak­ti­on. Nie­mand sagt, dass damit schon alles er­reicht ist – doch liegt auf der Hand, dass wir nur so ge­win­nen kön­nen: Was wir wol­len, die Selbst­be­frei­ung aus ka­pi­ta­lis­ti­scher, ras­sis­ti­scher und pa­tri­ar­cha­ler Herr­schaft, das kön­nen wir und alle, die das an­geht, nur sel­ber tun. Kon­kret ge­wen­det: Ein Cas­tor Schot­tern 2.0 wie die In­ter­ven­tio­nen, die erst mit der Ka­ta­stro­phe von Fu­kus­hi­ma mög­lich wur­den, wer­den nur Rea­li­tät, wenn wir jetzt damit be­gin­nen. Dazu ge­hört, dafür zu sor­gen, dass sich mit uns mög­lichst viele der Ak­ti­vis­t_in­nen, die beim letz­ten Mal erst auf den Schie­nen zu uns ge­sto­ßen sind, jetzt schon in die Vor­be­rei­tun­gen ein­brin­gen. Schließt euch be­ste­hen­den Grup­pen an, bil­det neue Grup­pen, ver­netzt euch. Machts nach, macht mit, machts bes­ser!

In­ter­ven­tio­nis­ti­sche Linke, April 2011