Light the barricades, Angie!

[ Video | Redebeitrag | indymedia 1, 2, 3 ]

(Redebeitrag des Kritischen Kollektivs zur Nachttanzdemo in Heidelberg):

Hallo Heidelberg!

Die Sonne lacht und wir chillen am Neckar. Mit vollen Einkaufstaschen beladen durch den Darmstädter Hof schlendern. Die Flyer mal wieder auf den letzten Drücker bei Flyeralarm gedruckt…

STOP – irgendwas stimmt hier nicht…
Sind wir die ultimative Spaßbremse, wenn wir sagen: Mal lieber den Ball flach halten? Wo im Hintergrund der Bass wummert, und wir alle Bock auf Dancen haben? Bock zu Feiern und gegen das böse System zu demonstrieren?

Sind wir etwa „das Richtige im Falschen“? Ist es eine lässliche Sünde, dass wir trotzdem fast jedes kapitalistische Spielchen mitmachen? Sind wir zurecht stolz wie Bolle, wenn wir ein Spiel mal ausgelassen haben? Vielleicht, weil wir ein paar Euro mehr für Bio-Gemüse ausgegeben haben oder für Fairtrade-Kaffee? Weil wir unser Geld in ein Egotronic-Shirt gesteckt oder in ein alternatives Kino getragen haben?
Und: Haben wir damit tatsächlich ein Spiel ausgelassen?

Es stimmt, uns alle nervt der Leistungsfanatismus der Gesellschaft, die kapitalistische Ausbeutung, die Zurichtung der Menschen auf ihre Verwertbarkeit.
Aber hey: Wie sieht’s bei uns selbst aus? Streben wir nun nach der besseren Abschlussnote, nach dem einen coolen Job bei Greenpeace oder ver.di? Hat uns der Warenfetisch nicht selbst schon erreicht, die Faszination fürs iPhone? Ist uns der McDonalds um die Ecke nicht oft genug einfach bequemer, als die 15 Minuten Fußweg zur VoKü? Und bilden wir uns nicht manchmal ein, dass unsere eigene ultrakritische Gruppe den anderen überlegen ist, dass wir’s kapiert haben, weil wir die ganzen Zusammenhänge checken und die nicht?
Gestehen wir’s uns doch ein: Wir hängen alle drin im Hamsterrad des kapitalistischen Konkurrenzdenkens. Steht es uns da zu, die eigene moralische Überlegenheit zu zelebrieren? Und warum nimmt uns verdammt noch mal niemand diese Rolle ab?
Vielleicht sollten wir’s ja mal anders angehen: Nehmen wir einfach mal an, dass „wir“ keinen Deut besser sind als „die“. Dass an den Zuständen nicht nur die bösen Anderen schuld sind. Dass wir selbst uns bewegen müssen, wenn wir das wollen, was wir wollen.

Wir sind nicht die einzigen, die eine Gesellschaft wollen, in der sich nicht alles um Marktanteile und Profit dreht.
Die, die materiell gesehen auf der Sonnenseite sind, merken oft nicht einmal, wie sehr sie sich den Verhältnissen unterwerfen. Und die, die in der Hackordnung ganz unten stehen, kämpfen jeden Tag um ihr individuelles Überleben, ihre Teilhabe am Alltagsleben und um ihre angeblich geschützte menschliche Würde. Und dazwischen gibt es viele, die Fußtritte von oben empfangen und nach unten weitergeben.
Ein Stück weit haben wir dennoch alle die Wahl, unsere Lebensumstände zum Besseren zu verändern.
Aber wenn wir uns nicht mit unserer moralischen Überlegenheit zufriedengeben wollen, sondern diese andere, solidarische und freie Gesellschaft auch wirklich erreichen wollen, dann reicht es einfach nicht, es uns in unserer szenigen Ecke gemütlich zu machen und distanziert auf die breite Masse zu blicken. Es muss uns immer auch darum gehen, die anderen mitzunehmen.

Also Barrikaden bauen, gemeinsam mit Tante Merkel, Onkel Obama und Genosse Ackermann?
Natürlich nicht. Niemand redet davon, dass wir die Gegner_innen einer freien und solidarischen Gesellschaft schonen, unsere Kritik glattbügeln, den Druck rausnehmen, der Revolution entsagen sollten. Auch haben wir überhaupt keinen Grund, uns damit zufrieden zu geben, dass wir nun von Kretschmann statt Mappus regiert werden.
Wir sollten aber schon auch den Menschen die Möglichkeit geben, mit uns zu kämpfen!

Lassen wir uns nicht in die Ecke drängen, von vermeintlichen Verfassungsschützern, von Ordnungshütern, die ihre Gartenzwerge gefährdet sehen, von den Simon Brenners dieser Welt, den Verwaltungen der Stadt Heidelberg, der Stadt Mannheim, der Stadt Worms und der Stadt Mainz.
Wir sind nicht der Schrecken aller Bürger – wir laden jede_n mit ein, der oder die unsere Kritik am Bestehenden teilt und etwas daran ändern will.
Lasst uns öfter rausgehen, auf die Straße, so wie heute, offen und selbstbewusst. Lasst uns den öffentlichen Raum zurückerobern!
Heute Heidelberg, dann Mannheim, Worms, Mainz.
Denn es sind unsere Straßen, unsere Städte, es ist unsere Welt.

Und jetzt wieder:
Kapitalismus wegbassen!