Moe Hierlmeier ist tot.

Traurig nehmen wir die Nachricht zur Kenntnis, dass unser Nürnberger Genosse Moe nicht mehr unter uns ist.

Moe, den wir von zahlreichen Treffen der Interventionistischen Linken kannten, schätzten und gerne hatten, gehörte in den letzten beiden Jahrzehnten zu den wenigen, die den Internationalismus weiterdachten und -entwickelten.
Dies zu einer Zeit, in der sich die einen mit dem Aufkommen der antinationalen Strömung vom Internationalismus verabschiedeten, während die anderen auf dem Stand der 80er Jahre hängenblieben. Nicht zuletzt Moe verdanken wir Mittel und Wege, den antinationalen Anspruch nicht in einen autistischen Universalismus einzusperren, sondern mit internationaler Solidarität zusammenzubringen.

Wir schließen uns dem wunderschönen Nachruf unserer Genoss_innen, die ihn noch länger und besser kannten, an:

Dass Moe nicht mehr da sein soll, ist für uns noch nicht zu be­grei­fen.
In sei­ner ty­pisch iro­ni­schen Art schrieb er noch im Früh­ling, nach­dem wir uns län­ger nicht ge­se­hen hat­ten: „Sol­len wir uns in die­sem Leben noch mal tref­fen?“

Kürz­lich in Nürn­berg er­zähl­te er von den Ent­wick­lun­gen in der In­ter­ven­tio­nis­ti­schen Lin­ken, wir spra­chen über die BUKO und er skiz­zier­te sein Pro­jekt, an­ge­regt durch die Lek­tü­re von Rancière, Ba­diou und Žižek sowie durch das Kom­mu­nis­mus-​Buch sei­nes engen po­li­ti­schen Freun­des Tho­mas Sei­bert, mit­tel­fris­tig und ohne Zeit­druck ein Buch zum Thema po­li­ti­sches Er­eig­nis zu ver­fas­sen.
Seine späte und nicht be­reu­te Ent­schei­dung, Haupt­schul­leh­rer in Nürn­berg zu wer­den, hat ihm für sol­che Pro­jek­te we­ni­ger Zeit ge­las­sen, was ihn nicht daran hin­der­te, sie mit Nach­druck zu ver­fol­gen.

Ge­ra­de hat­ten Fran­zis­ka und Moe Re­no­vie­rung und Aus­bau ihrer Woh­nung ab­ge­schlos­sen. Beim kürz­li­chen Tref­fen zeig­te er froh den Ses­sel, auf dem er zum Lesen, Den­ken und Schrei­ben kommt. Den enorm dich­ten Rhyth­mus frü­he­rer Tage – fast jedes Wo­chen­en­de in po­li­ti­schen Din­gen un­ter­wegs, meh­re­re Ta­ges­zei­tun­gen le­send, die ra­di­kal-​lin­ke Li­te­ra­tur so­wie­so, sich nie vor or­ga­ni­sa­to­ri­schen Auf­ga­ben drü­ckend – woll­te er so nicht mehr hal­ten. Und den­noch war er dort, wo er sich en­ga­gier­te, mensch­lich, or­ga­ni­sa­to­risch und in­halt­lich-​stra­te­gisch immer ein Ak­tiv­pos­ten.

1959 ge­bo­ren und in Schier­ling auf­ge­wach­sen, woll­te Moe zu­erst Pries­ter wer­den, trat dann man­gels Al­ter­na­ti­ven auf dem Land der Jun­gen Union bei und wurde in den 1970er Jah­ren zum Lin­ken. Nach sei­nem Umzug nach Nürn­berg en­ga­gier­te er sich in der An­ti-​AKW- Be­we­gung, in der Mo­bi­li­sie­rung gegen die Mas­sen­ver­haf­tun­gen im KOMM 1981 sowie in der An­ti-​Kriegs­be­we­gung. In die­sen Zu­sam­men­hän­gen stieß er auf die Ak­ti­ven des Kom­mu­nis­ti­schen Bun­des (KB) Nürn­berg. An­fang der 1980er Jahre in­te­grier­te er sich in der für diese Or­ga­ni­sa­ti­on häu­fi­gen „flie­ßen­den“ Art und Weise in der KB-​Orts­grup­pe und schied in den spä­ten 1980er Jah­ren in ähn­li­cher Art und Weise wie­der aus. Will sagen, man ar­bei­te­te vor­her und nach­her in so­zia­len Be­we­gun­gen zu­sam­men und zog häu­fig an einem Strang. Es ver­än­der­ten sich Ak­zen­te, Ein­schät­zun­gen und Vor­ge­hens­wei­sen, die Ziel­vor­stel­lun­gen wirk­ten eben­so ei­nend wie viel­fäl­ti­ge und enge per­sön­li­che Be­zie­hun­gen.

Moe ver­füg­te über ein enor­mes Wis­sen, er äu­ßer­te sich über die deut­sche Ro­man­tik eben­so qua­li­fi­ziert wie über den fran­zö­si­schen Post­struk­tu­ra­lis­mus. Ein BU­KO-​Ge­nos­se sagte vor Jah­ren bei einer ge­mein­sa­men Wan­de­rung, Moe sei der erste Uni­ver­sal­ge­lehr­te seit Leib­niz. Alle lach­ten schal­lend, am lau­tes­ten lach­te Moe selbst.
Vor allem war Moe ein au­ßer­or­dent­lich be­le­se­ner Ide­en­ge­schicht­ler des In­ter­na­tio­na­lis­mus. Dabei kam es ihm immer dar­auf an, Ideen nicht zu mu­sea­li­sie­ren, son­dern sie in den Zu­sam­men­hang von frü­he­ren und ak­tu­el­len Kämp­fen zu stel­len. Moe in­ter­es­sier­te sich für das ra­di­ka­le Den­ken, das frü­her oder heute an den Rän­dern der Ge­sell­schaft ent­steht und auf eman­zi­pa­to­ri­sche Ver­än­de­rung zielt. Das zei­gen seine vie­len Buch­be­spre­chun­gen, etwa der neu­auf­ge­leg­ten Bü­cher von Le­fort oder Cas­to­ria­dis. Er kri­ti­sier­te das dicho­to­me Welt­bild des „alten In­ter­na­tio­na­lis­mus“ und ana­ly­sier­te das bis­wei­len ka­ta­stro­pha­le Schei­tern von eman­zi­pa­to­ri­schen Ideen und Pro­jek­ten, um dar­aus für ak­tu­el­le Aus­ein­an­der­set­zun­gen zu ler­nen. Diese kri­ti­sche Re­fle­xi­vi­tät über­trug er auf seine ei­ge­nen Ar­bei­ten. So lei­te­te er sein In­ter­na­tio­na­lis­mus-​Buch mit der Be­mer­kung ein, es sei aus der „Per­spek­ti­ve eines lin­ken Ak­ti­vis­ten“ ge­schrie­ben, „der seit 25 Jah­ren in so­zia­len Be­we­gun­gen stän­dig seine nächs­ten Irr­tü­mer vor­be­rei­tet. […] Es sind zum Teil meine ei­ge­nen Irr­tü­mer, die im Fol­gen­den kri­ti­siert wer­den.“ Al­ler­dings re­sul­tier­te seine Ein­sicht in die Vor­läu­fig­keit der ei­ge­nen Ein­schät­zung nie­mals in Re­la­ti­vis­mus, po­li­ti­scher Ent­halt­sam­keit oder gar Re­si­gna­ti­on, viel­mehr war sie für ihn ge­ra­de­zu die Vor­aus­set­zung für eine klare eman­zi­pa­to­ri­sche Po­si­tio­nie­rung. Dem ent­sprach, dass man mit Moe immer auch po­li­tisch quer lie­gen konn­te, dass man wirk­lich mit ihm strei­ten konn­te – ohne dass es je­mals zu einer Si­tua­ti­on des de­fi­ni­ti­ven per­sön­li­chen Bruchs ge­kom­men wäre. Es war dies nicht nur Aus­druck sei­ner in­tel­lek­tu­el­len Ka­pa­zi­tät, son­dern eine be­son­de­re sub­jek­ti­ve Qua­li­tät, die in der Lin­ken lei­der sel­ten ist.

Seine Be­deu­tung für die BUKO (Bun­des­ko­or­di­na­ti­on In­ter­na­tio­na­lis­mus), in der wir viele Jahre mit ihm zu­sam­men­ge­ar­bei­tet haben, kann nicht hoch genug ein­ge­schätzt wer­den. Spä­tes­tens seit 1990, als er den Kon­gress des da­mals noch Bun­des­kon­gress ent­wick­lungs­po­li­ti­scher Ak­ti­ons­grup­pen ge­nann­ten Zu­sam­men­hangs in Nürn­berg mit­or­ga­ni­sier­te, spiel­te er in un­ter­schied­li­chen BU­KO-​Zu­sam­men­hän­gen eine tra­gen­de Rolle. In einer Zeit, als durch den Epo­chen­bruch 1989 die NGO­i­sie­rung der In­ter­na­tio­na­lis­mus­be­we­gung droh­te, ver­kör­per­te er gleich­sam die Er­in­ne­rung an die ba­sis­de­mo­kra­ti­sche Ge­schich­te der BUKO, die er fort­zu­füh­ren half. Lange abend­li­che Dis­kus­sio­nen beim Jah­res­kon­gress oder bei un­zäh­li­gen BU­KO-​Se­mi­na­ren mit ihm waren po­li­ti­sche, in­tel­lek­tu­el­le und mensch­li­che High­lights. Sich die und den BUKO ohne Moe vor­zu­stel­len, fällt uns schwer.

Aus sei­ner um­fas­sen­den Kennt­nis der In­ter­na­tio­na­lis­mus­be­we­gung ent­wi­ckel­te Moe ein Ge­spür für das Mög­li­che und Not­wen­di­ge. Dazu ge­hör­te etwa, dass er Ende der 1990er Jahre – also in einer Zeit, als ra­di­ka­le Kri­tik zu­min­dest in Deutsch­land noch im Glo­bal-​Go­ver­nan­ce-​Ge­rau­ne un­ter­ging bzw. von einer rot-​grü­nen Mo­der­ni­sie­rungs­eu­pho­rie mar­gi­na­li­siert wurde – den An­stoß für die Grün­dung des BU­KO-​Ar­beits­schwer­punk­tes Welt­wirt­schaft gab, des­sen Ar­beit er selbst we­sent­lich präg­te. 2002 war er – im Rah­men sei­nes En­ga­ge­ments bei der Zei­tung ana­ly­se & kri­tik (ak), zu deren re­gel­mä­ßi­gen Au­to­ren er zähl­te – an der Grün­dung des Zeit­schrif­ten­pro­jekts Fantômas be­tei­ligt. Die drei­zehn Aus­ga­ben, die bis zum Som­mer 2008 er­schie­nen, sind ohne ihn gar nicht denk­bar, ohne seine Ar­ti­kel, seine Bei­trä­ge zu den Pla­nungs­de­bat­ten jeder ein­zel­nen Num­mer, ohne seine Mit­wir­kung bei der Fer­tig­stel­lung der Hefte, zu der sich die Re­dak­ti­on stets für drei lange Tage und Näch­te in Ham­burg traf, in den Sou­ter­rain­räu­men der ak. Auch hier blei­ben be­son­ders sein Witz und sein La­chen un­ver­ges­sen, wäh­rend der lan­gen Stun­den vor den Com­pu­tern eben­so wie im Morg­engrau­en, wenn die Re­dak­ti­on, müde, doch zu­frie­den mit dem Ge­schrie­be­nen, noch ein­mal zum Hafen auf­brach, um dann, nach kur­zer Pause, ein letz­tes Mal die Folge der Bei­trä­ge zu dis­ku­tie­ren.

Zur Re­ha­bi­li­tie­rung ra­di­ka­ler Kri­tik und ihrer wie­der stär­ker wahr­nehm­ba­ren Ar­ti­ku­lie­rung in Deutsch­land seit Ende der 1990er Jahre hat er einen zen­tra­len Bei­trag ge­leis­tet. Immer wie­der war er an den In­itia­ti­ven be­tei­ligt, plu­ra­le linke Dis­kus­si­ons-​ und Hand­lungs­räu­me zu schaf­fen: bei den er­wähn­ten Pu­bli­ka­tio­nen, als Mither­aus­ge­ber des BU­KO-​Bu­ches „ra­di­kal glo­bal“ 2003, lange Jahre neben der BUKO auch im Nürn­ber­ger La­tein­ame­rika­ko­mi­tee, spä­ter beim Nürn­ber­ger So­zi­al­fo­rum. Er war Mit­in­itia­tor und Mit­ver­an­stal­ter der „Be­ra­tungs­tref­fen“, zu denen sich ab 1999, nach den schwa­chen Mo­bi­li­sie­run­gen gegen den G8-​Gip­fel in Köln, eine ste­tig wach­sen­de Schar ra­di­ka­ler Lin­ker ver­schie­de­ner Her­kunft traf, zu­nächst zur Auf­ar­bei­tung der zu­rück­lie­gen­den Jahre und zur Ver­stän­di­gung über Per­spek­ti­ven des Wei­ter­ma­chens, schließ­lich zur De­bat­te, dann zur kon­kre­ten Vor­be­rei­tung des neu­er­li­chen Ver­suchs einer bun­des­wei­ten Or­ga­ni­sie­rung. Ab 2004 wurde dar­aus die In­ter­ven­tio­nis­ti­sche Linke (IL), und auch hier war Moe in prä­gen­der Weise „mit­ten­drin“. Er half, Aus­ein­an­der­set­zun­gen zu einem guten Ende zu füh­ren, nicht zu­letzt durch sein Ver­mö­gen, dann mo­de­rie­rend ein­zu­grei­fen, wenn es hoch her­ging – oder an­ders­her­um eine Dis­kus­si­on erst „auf Tou­ren“ zu brin­gen, die nicht so recht vom Fleck woll­te. Noch im Mai hat er ein Tref­fen mit 80 Ge­nos­sIn­nen in Nürn­berg mit­or­ga­ni­siert. Als der Fort­gang der Ver­samm­lung am Ärger des Haus­meis­ters zu schei­tern droh­te, war es Moe, der für das not­wen­di­ge Ver­ständ­nis für „Vor­komm­nis­se“ sorg­te, die nicht so ganz der Haus­ord­nung ent­spra­chen.

Ra­di­ka­le Kri­tik be­deu­te­te für Moe nicht eine abs­trak­te In­fra­ge­stel­lung von Herr­schaft, son­dern Kri­tik im Hand­ge­men­ge. Moe wuss­te seine grund­sätz­li­che Kri­tik an den be­ste­hen­den Ver­hält­nis­sen prak­tisch wer­den zu las­sen und mit kon­kre­tem po­li­ti­schen En­ga­ge­ment zu ver­bin­den. Be­son­ders be­mer­kens­wert ist das alles, wenn man be­denkt, dass Moe – von einer kur­zen Zeit in der BU­KO-​Ge­schäfts­stel­le ab­ge­se­hen – nie­mals Voll­zeit-​Ak­ti­vist war, son­dern sei­nen po­li­ti­schen Ak­ti­vi­tä­ten neben sei­ner Ar­beit bei Quel­le, sei­nem Stu­di­um und sei­ner Tä­tig­keit als Haupt­schul­leh­rer nach­ging. Er stell­te somit in sei­ner ei­ge­nen Ar­beit das her, was den glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­schen In­itia­ti­ven in Deutsch­land zu­min­dest in der An­fangs­zeit fehl­te – die all­tags­prak­ti­sche Ver­an­ker­ung der Kri­tik an der neo­li­be­ra­len Glo­ba­li­sie­rung.

Es waren nicht nur sein gro­ßes Wis­sen und sein po­li­ti­sches Ge­spür, von dem die BUKO und die ra­di­ka­le Linke pro­fi­tier­ten, son­dern seine ganze Per­sön­lich­keit. Moe konn­te in sei­nen Tex­ten enorm scharf for­mu­lie­ren, er hatte einen bis­si­gen, im po­si­ti­ven Sinne her­aus­for­dern­den Humor. Gleich­zei­tig strahl­te er ge­ra­de in einer Si­tua­ti­on der Krise so­zia­ler Be­we­gun­gen, wie sie für die BRD der 1990er Jahre kenn­zeich­nend war, eine in­for­mier­te Ge­las­sen­heit aus, die kei­nen Zwei­fel daran ließ, dass für eman­zi­pa­to­ri­sche Pro­jek­te auch wie­der bes­se­re Zei­ten an­bre­chen wür­den.
Moe Hierl­mei­er ist am 17. Juni an einem Herz­in­farkt ge­stor­ben. Wir haben mit ihm einen Freund und einen un­se­rer wich­tigs­ten po­li­ti­schen Mit­strei­ter ver­lo­ren.

Freun­din­nen und Freun­de, Ge­nos­sin­nen und Ge­nos­sen aus der Bun­des­ko­or­di­na­ti­on In­ter­na­tio­na­lis­mus (BUKO) und aus der In­ter­ven­tio­nis­ti­schen Lin­ken (IL), die Re­dak­tio­nen ana­ly­se & kri­tik und Fantômas.

Links: